Kunstköderscheue Hechte - Mythos oder Wirklichkeit?

  • [autor=Käptn Blaubär]30. März 2005 12:11[/autor]
    Wenn man ein neues Gewässer erkundet und heimische Angler befragt, welche Köder hier fängig sind, hört man häufig Aussagen wie "Die Hechte hier beissen nicht auf Kunstköder" oder "Die Hechte sind kunstköderscheu", "Die Viecher kennen jeden Kunstköder schon mit Seriennummer" und so weiter und so weiter ...


    Was kann/soll man mit solchen Aussagen anfangen?
    Für jeden, der sich näher mit Fischen beschäftigt, hören sich solche Platitüden zunächst mal blödsinnig an, hier wird die Intelligenz der Fische maßlos überschätzt und menschliche Denkweisen auf die Fische übertragen. Fische haben ein relativ kleines Gehirn und sind mit so komplizierten Konzepten wie "Schnur", "Kunstköder", "Angeln/Angler" etc. hoffnungslos überfordert und können ganz sicher keine Zusammenhänge dazwischen herstellen. Was können Fische also?


    Lernfähigkeit von Fischen
    Fische sind in sehr begrenztem Maße lernfähig, jeder, der ein Aquarium besitzt, wird das bestätigen können, die Fische gewöhnen sich an Futterplatz und Fütterzeiten, sie lernen, verschiedene Futtersorten zu erkennen und zu unterscheiden usw.. Man kann Fische auch im gewissen Rahmen dressieren, aber das dauert sehr lange und braucht sehr, sehr viele Wiederholungen und gelingt auch oft nur mit einigen besonders intelligenten Individuen.In der Regel wird das Gelernte auch nur kurze Zeit behalten, wenn man nicht ständig weiter übt, geht es relativ schnell wieder verloren. Meine Fische im Aquarium z.B. haben mit der Zeit gelernt, wie man Hafttabletten (Futtertabletten die man an die Aquarienscheibe drückt und die dort haften bleiben) frißt und solange sie jede Woche ein oder zwei bekommen, bleibt diese Fähigkeit auch erhalten. Gibt es jedoch ein paar Wochen lang keine "Hafties", dauert es wieder eine ganze Weile bis die Futterquelle geortet und gezielt vernascht wird.
    Man kann also getrost davon ausgehen, das ein Hecht, der bis zum Erreichen seines Schonmaßes vielleicht nur ein paar Mal auf einen Kunstköder gefangen und wieder zurückgesetzt wurde, kaum einen großen Lernprozess durchlaufen hat und fortan alle Kunstköder bewusst meidet. Warum gibt es trotzdem große, alte ("schlaue" ???) Hechte und solche die kaum über ihr Schonmaß hinauskommen?
    Die Antwort liegt wohl im unterschiedlichen individuellen "Charakter" der Fische.


    Charaktereigenschaften von Fischen
    Auch hier ist jedem der ein Aquarium besitzt klar, das es auch innerhalb einer Art unterschiedliche Charaktere gibt, schlaue und vorwitzige, vorsichtige und scheue Fische usw.. Tatsächlich ist das auch in jüngeren wissenschaftlichen Untersuchungen im Rahmen der Verhaltensforschung, z.B. für Forellen, belegt worden. Es gibt also unterschiedliche charakterliche Ausprägungen bei Fischen, z.B. gibt es "vorsichtige" und "neugierige" Typen, wobei ich mich hier erst mal auf diese angeltechnisch interessanten Eigenschaften beschränken möchte. Das macht ja auch als Überlebensstrategie durchaus Sinn: In Gewässern mit geringerem Nahrungsangebot sind die "neugierigen" Typen im Vorteil, da sie bei der Nahrungssuche mehr riskieren und so bessere Überlebenschancen haben, umgekehrt sind bei großem Nahrungsangebot die "vorsichtigen" Typen im Vorteil, da sie weniger riskieren und trotzdem satt werden. Dadurch, dass immer beide Charaktertypen vorhanden sind, verbessern sich also die Überlebenschancen der Art! Auch wenn Raubfische wohl, aufgrund des erlernten und angeborenen Beuteschemas, im Allgemeinen eine relativ klare Vorstellung von Verhalten, Aussehen, Geschmack usw. ihrer Beute haben dürften, kann man eine gewisses Maß an "Experimentierfreude" durchaus vorraussetzen, das aber individuell mehr oder weniger stark ausgeprägt ist.


    Konsequenzen für das Fischen mit Kunstködern
    Also halten wir mal fest: Fische sind doof, aber es gibt "Vorwitzige" und "Schisser" :-). Nun ratet mal, wer von denen eher auf einen Kunstköder beißt, die "neugierigen" oder die "vorsichtigen" Typen? Sicherlich die "Neugierigen", die wohl eher mal geneigt sein dürften, vom erlernten und vertrauten Beuteschema abzuweichen und auch mal einen etwas ungewöhnlicheren Köder zu probieren. Auf diese Weise dürften in Gewässern mit hohem Angeldruck, in dem viel mit Kunstködern geangelt wird, die "Neugierigen" bald rausgefischt sein, übrig bleiben die "Vorsichtigen", die nach der Methode "Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht" immer hübsch bei ihren Leisten (Fischen) bleiben und alt und fett werden. Gäbe es da nicht die Köderfischangler, würden wir sie wahrscheinlich nie erwischen, aber der Köderfisch, eine leichte und bequeme Beute ist natürlich wie gemacht für unsere "Vorsichtigen", vorausgesetzt man serviert ihnen das Fischlein in Reichweite und möglichst unauffällig! Beim Köderfischangeln macht es also durchaus mehr Sinn sich Gedanken über möglichst weiche und unauffällige Vorfächer zu machen, als beim Kunstköderfischen.
    Beim Kunstköderfischen scheint mir die Auswahl und Präsentation des Köders doch weitaus wichtiger zu sein. Ich halte es z.B. für eine gute Idee, im Zweifelsfalle eher auf Köder zurückzugreifen, die sich möglichst natürlich verhalten, dem Original möglichst ähnlich sehen und auch zur Saison passen. Je besser der Köder ins Beuteschema passt, desto größer dürfte auch die Anzahl der potentiellen Interessenten sein. Anders schaut das natürlich aus, wenn man die Fische provozieren und aus der Reserve locken will, also mehr oder weniger direkt die "Neugier" und das Revierverhalten anspricht, dann sind agressive und auffällige Köder eher angebracht. Man sollte sich dann aber auch darüber im klaren sein, dass die Erfolgsausichten prinzipiell etwas geringer sind, andererseits kann diese Technik auch dann noch funktionieren, wenn die Fische, z.B. im Hochsommer oder Winter, die Nahrungsaufnahme teilweise oder ganz eingestellt haben. Der beste Beweis dafür sind die zahlreichen Lachse, die beim Aufstieg, bei dem eigentlich keine Nahrung aufgenommen wird, trotzdem auf Kunstköder (z.B. die hübschen bunten Lachsfliegen) gefangen werden.


    Schlußfolgerung
    Natürlich ist in Wirklichkeit nicht alles schwarz und weiß und die simple Aufteilung der Fische in "Neugierige" und "Vorsichtige" ist viel zu simpel und schematisch. Da spielen sicherlich auch eine Menge anderer Charaktereigenschaften, die man Fischen ebenfalls zubilligen sollte, mit hinein. Außerdem ist die "Vermenschlichung" von Tieren sicher genauso kritisch zu betrachten, wie das Gegenteil, nämlich das "Entmenschlichen" von Tieren, in dem man ihnen jegliche Charaktereigenschaften abspricht und sie als rein instinktgesteuerte Roboter ansieht. Also Fische sind weder Intelligenzbestien, die über ihre Fangerfahrungen Buch führen, noch reine instinktgesteuerte Fressmaschinen, die auf alles beissen, was sich bewegt.
    Um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen:
    Die Aussagen von Anglern mögen zwar oft blödsinnig sein, aber die Erfahrungen, die dahinter stecken, sind es in der Regel nicht!. So kann man z.B. die Aussage "Die Hechte hier sind kunstköderscheu" wie folgt interpretieren:


    "Die Hechte hier sind kunstköderscheu" = Es werden hier wenig Hechte auf Kunstköder gefangen!


    Die Frage nach dem "Warum" gilt es dann zu klären:
    1) Gibt es überhaupt Hechte? Falls nein => woanders angeln
    2) Wird wenig mit Kunstködern geangelt? Falls ja => Gute Chancen
    3) Wurde in der Vergangenheit viel auf Kunstköder gefangen? Falls ja => Köderfisch versuchen
    usw.


    Ich denke, so oder so ähnlich sollte man die meisten, auf den ersten Blick vielleicht etwas zweifelhaften, Anglermythen analysieren und zu verstehen versuchen.